Wissenschaftliche Theorien haben einen Lebenszyklus. In die Welt gesetzt werden sie von einer Handvoll Revolutionäre, später etablieren sie sich, und irgendwann werden sie - gegen den massiven Widerstand des akademischen Mainstreams - abgelöst durch eine neue Theorie, wodurch sie nicht falsch werden, aber ihr Gültigkeitsbereich signifikant zurechtgestutzt wird. Thomas Kuhn hat dafür 1962 den Begriff Paradigmenwechsel geprägt (in seinem sehr lesenswerten Buch "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen").
Ein solcher Paradigmenwechsel findet derzeit in der Genetik statt, ausgelöst durch die Resultate des"Humane Genome Project", der 2003 abgeschlossenen Sequenzierung des menschlichen Erbguts. Wir kennen das 40 Jahre alte Paradigma der Genetik aus der Schule: die DNA besteht aus Sequenzen von Basen (A, C, U und G). Eine zusammengehörende Basen-Sequenz heißt Gen und codiert ein Protein. Bis auf ein paar Ausnahmen, die es in der Biologie immer gibt, ist dies der alles entscheidende Mechanismus, die Blaupause aller Lebewesen.
Nun stellte sich im Laufe der Zeit heraus, daß ein nicht unbeträchtlichter Teil der DNS ungültige Sequenzen enthalten, die keine Proteine codieren können. Beim Menschen sind dies tatsächlich sogar 95% der gesamten DNS. Statt nun ihre Theorie zu hinterfragen, wurden diese Teile der DNS von der Zunft der Molekularbiologen zu "evolutionärem Schrott" (englisch: Junk-DNA) erklärt.
Das Humane Genome Projekt fand darüberhinaus sehr viel weniger Gene als erwartet. Klassische Lehrbücher schätzten die Anzahl der menschlichen Gene auf 100.000. Tatsächlich waren es gerade mal 25.000 - etwas mehr als beim Fadenwurm, und weniger als bei einem Unkraut mit dem traurigen Namen Ackerschmalwand. Ein Großteil dieser menschlichen Gene ist mit denen der nächsten Verwandten des Menschens identisch (für den Schimpansen habe ich die Zahlen 98,7% und 99,4% gefunden). Die notwendige Schlußfolgerung: der Mensch ist praktisch ein Affe, und zum nicht unbeträchlichen Teil ein Fadenwurm. So wenigsten las man es dann in der einschlägigen Presse.
Tatsächlich aber vermuteten einige kühlere Köpfe, daß der Hase anderswo begraben liegt: nämlich in der 95% unverstandenen DNS, dem "evolutionären Schrott", der Junk-DNA. Was wäre, wenn sie tatsächlich von Bedeutung ist? Die Hinweise darauf haben sich inzwischen verdichtet. Es gibt aber noch weitergehende Thesen.
Die radikale These stützt sich auf folgende Beobachtung. Einzeller, wie zum Beispiel Bakterien, haben 0% Junk-DNA. Je komplexer die Organisation, desto größer ist der Anteil der Junk-DNA: 65% bei Pflanzen, 70% bei Wirbellosen, bis zu 90% bei höheren Tieren, und 95% beim Mensch. Wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl ist? Die These ist, daß die geschmähte Junk-DNA den Bauplan des Vielzellers enthält. Jede Zelle eines Vielzellers hat ja die gleiche DNS, und daher auch den gleichen Satz von Proteinen zur Verfügung. Wo ist die Information gespeichert, die die Ausprägung der Zellen bestimmt - werde ich eine Nervenzelle oder ein weißes Blutkörperchen - und wie die Zellen zu Organen und zum ausgewachsenen Organismus zusammengesetzt werden? Dieser fundamentale Informationsspeicher sitzt wohl in der Junk-DNA, auch wenn man die zugrundeliegenden Mechanismen noch nicht versteht.
Für mich ist das sehr schlüssig, und hat eine gehörige Portion Ironie. Man hat vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen. Aber ich bin nicht vom Fach, und sollte ein Experte diesen Artikel lesen, bin ich für weiterführende Hinweise dankbar. Mein Halbwissen basiert größtenteils auf der Lektüre von "Spektrum der Wissenschaft Dossier: Das neue Genom".