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03. Februar 10

Radio 3.0: Die BBC im Kontext

Nachdem der Siegeszug des Web 2.0 mit Wikipedia, Facebook & Co. vor nicht mehr wegzuleugnen war, machten sich die selbsternannten und tatsächlichen Experten auf die Suche nach dem nächsten Web-Megatrend. Sie wurden schnell fündig: Web 3.0, das ist das "Semantische Web":

Ziel des Semantischen Webs ist es, die Bedeutung von Informationen für Computer verwertbar zu machen. Die Informationen im Web sollen von Maschinen interpretiert und automatisch maschinell weiterverarbeitet werden können. (Wikipedia

Obwohl das Semantische Web, geadelt durch die wesentliche Mitwirkung von Web-1.0-Übervater Tim Berners-Lee, jetzt schon einige Jahre intensiv diskutiert wird und viele hunderte Millionen Euro an staatlicher Förderung in zweifelhaften Forschungsprojekten wie der europäischen Suchmaschine Quareo versenkt wurden, läßt der entscheidende Durchbruch auf sich warten. Außerhalb der Techniksphäre und des Wissenschaftsbereichs gibt es nur wenig Projekte, die Nutzen und Attraktivität für den Endnutzer vorweisen können.

Auf der Erfolgsseite liefert uns die BBC das vielleicht eindrucksvollste Beispiel. In einem nun schon mehrere Jahre andauernden Mammutprojekt hat die BBC ihre komplette Produktionsinfrastruktur von 10 Fernsehsendern und unzähigen Radiostationen auf das semantische Web ausgerichtet, Prozesse vereinheitlicht und konsequent digitalisiert, Insellösungen für Websites abgelöst, Datenbanken und Content Management Systeme zentralisiert, Informationen und Inhalte standardisiert und vernetzt, mit externen Datenbanken verknüpft, und schließlich systematisch über ihre Website verfügbar gemacht, in menschenlesbarer und in maschinenlesbarer Form.

Warum tut man sich so etwas an? Wer in realen Organisationen in der Größenordnung der BBC gearbeitet hat, ahnt, was für ein logistischer Albtraum sich hinter so einem Projekt verbirgt. Was bringt es?

Technisch gesehen, handelt es sich zunächst einmal um eine oder mehrere zentrale Datenbanken, in der die komplette verfügbare Programminformation - sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft - gespeichert ist. Sie ist dabei in einer sogenannten Ontologie organisiert, also in einem Schema, daß die Verknüpfungen dieser Information beschreibt, den Kontext herstellt: um was für Inhalte handelt es sich, wann und wo werden sie gesendet, wer sind die Mitwirkenden (Moderatoren, Künstler, Produzenten, ...), welchen Genres, Themen, Formaten oder Serien können sie zugeordnet werden, wer hält die Rechte daran, geographische Informationen, und so fort.

BBC-Präsentation zu Hintergründen und Umsetzung

Auf dieser Informationsbasis lassen sich nun unzählige Anwendungen aufsetzen - durch die BBC oder auch durch Dritte, denn die Information wird standardisiert und offen verfügbar gemacht. Als erstes natürlich die großartige Website der BBC und ihrer Sender (stärkste Medien-Site in den UK, 100 Mio. Unique Visitors weltweit). Das komplette Programm mit allen seinen inhaltlichen Verknüpfungen ist einheitlich und nutzerfreundlich online einsehbar, durchsuchbar und abrufbar (im Rahmen der britischen Bestimmungen, das heißt bis zu 7 Tage nach Sendung). Abgesehen von der Attraktivität für den Nutzer ist das Ganze auch kostengünstiger als Betrieb und Wartung der früheren Einzelwebsites.

Es ist aber viel mehr möglich. Die BBC betreibt eine Reihe von themenspezifischen Portalen: Nachrichten, Sport, Musik, Essen, etc. Alle diese Portale können nun direkt mit dem Programm der BBC integriert werden, und zwar in beide Richtungen. Hier ein Beispiel von BBC Science and Nature:

Bbc-sn

Die Verknüpfung wird darüber noch weiter getrieben, nämlich mit externen semantischen Datenquellen, wie etwa dem Wikipedia-Ableger DBpedia oder der Musikdatenbank MusicBrainz, deren komplette Inhalte auf BBC Music syndiziert werden. Dort kann zu jedem Künstler gesehen werden, in welchem Programm und wann er gespielt wurde, und welche Beiträge, zum Beispiel Kritiken, es sonst zu ihm gab. Zur Illustration hier der Link zu Beethoven.

Noch ist das alles im Aufbau begriffen und teilweise experimentell. Eine der erstaunlichsten Anwendungen ist der Verwendung der geographischen Information, etwa beim BBC Newsglobe: Wo treibt sich gerade unser Außenminister herum?

Guido-bbc1
Guido-bbc2
BBC selbst fasst die "Key Benefits" der Umstellung auf semantische Webtechnologie in einer Fallstudie für den W3C wie folgt zusammen:

Usability - Making a site around the things people care and think about.

User Experience - Having meaningful predicates and granular, addressable resources, so that those resources can be visualised in new ways.

User Journeys—Allowing users to make their own journeys across our content.

One page per thing—Making our resources part of the Web and therefore linkable and discoverable.

Our web site is our API—One URI for both machines and web browsers. Our web site can be used by third parties to create new products.

Was können wir davon lernen? Gefühlt liegen wir in Deutschland viele Jahre hinter den Briten, und das lässt sich so schnell nicht aufholen. Ich glaube aber, das zwei Einsichten zentral sind, die den Medienstandort Deutschland deutlich voran bringen würden: Technologie darf nicht als notwendiges Übel gesehen werden, sondern muß als Treiber der Entwicklung begriffen werden. Und: Offenheit ist der Schlüssel zum Erfolg in der vernetzten Welt.

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Kommentare

Micha

Dein Text ist bgut, Deine letzten Worte auch, jedoch ist Deutschlang glaube ich nicht in der Lage die Briten diesbezüglich einzuholen. Der Medienstandort Deutschland wird immer mehr zu einem Unternehmen und wenn das passiert es vorbei.

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