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27. August 08

Wie das Radio mit dem Web verschmilzt

Thinkpadandradio Die Verschmelzung von Fernsehen und Internet ist unter dem Schlagwort Konvergenz ein seit Jahren heiß diskutiertes Thema. Getan hat sich wenig, ganz im Gegensatz zum Radio, welches sich sowohl in bezug Verbreitungs­­technik als auch konzeptuell in schnellen Schritten mit dem Internet integriert.

In puncto Verbreitungstechnik sieht es so aus. Webradio, also der Radioempfang von Internetsendern über PC, WLAN-Radio oder Handy, gewinnt massiv in Boden. In den USA geht man von 33 Millionen Hörern aus, nach 29 Millionen im Vorjahr. Für Deutschland ermittelt eine Studie des Audiovermarkters RMS 8 Millionen Nutzern im Frühjahr 2008 nach 6,9 Millionen im Vorjahr, und laut einer Prognose von Goldmedia (ebd.) werden für das Jahr 2012 13 Millionen Nutzer erwartet. An den Zahlen für Deutschland zweifle ich etwas, aber das starke Wachstum läßt sich nicht bestreiten.

Verlierer sind UKW und das sogenannte Digitalradio, also die Verbreitung von digitalen Radiosignalen über Funk, Satellit und Kabel. "Seit Jahren schon quälen sich Senderchefs, Politiker, Medienaufseher und Industrievertreter mit der Einführung der neuen Radiogeneration. Bislang jedoch erfolglos." schreibt Jennifer Lachman in der Financial Times. Ein Durchbruch für das Digitalradio ließe sich nur mit der Brechstange erzielen, nämlich der geplanten Abschaltung der UKW-Verbreitung, wogegen sich zwischenzeitlich aber alle Marktteilnehmer ausgesprochen haben. Die ARD formuliert pointiert: „Wer 300 Millionen von unserem Publikum intensiv genutzte Endgeräte zum Elektronikschrott erklären will, der gefährdet die Grundlage des Erfolges der Gattung Radio.“ (dieses und weitere Statements im Meinungsbarometer DR 8/2008). Ergo: die Zukunft des Radios liegt im Internet. Und im Mobile Internet.

Der entscheidende Punkt jedoch ist das konzeptuelle Potential der Verbindung von Radio und Internet. Das Internet bietet Interaktivität und unbegrenzte Kanalvielfalt. Das Radio der Zukunft wird über das Internet ein immer vielfältigeres Programm anbieten und gleichzeitig seine Hörer in das Programm einbinden. Und nur so kann es mit der gesellschaftlichen Entwicklung schritthalten.

Ein kleiner Blick zurück. Vor 50 Jahren war unsere Gesellschaft - oder zumindest die gesellschaftliche Öffentlichkeit - noch leicht überschaubar. Es gab CDU- und SPD-Stammwähler, Katholiken und Protestanten, ARD und ZDF. In den 80er Jahren zeigte sich ein wesentlich verändertes Bild: das Privatfernsehen startet und die Medien gliedern die Gesellschaft ab sofort in werbegerechte Zielgruppen. Heute verweigern sich die Konsumenten zunehmend der Einordnung in Zielgruppen, und sowohl die klassischen Medien als auch die Politik scheitern daran, ein mehrheitsfähiges Programm aufzustellen.

Die Radiohörer der Zukunft werden sich stattdessen Internet-basierten Angeboten zuwenden. Sie suchen  ihre Lieblingssender in der unendlichen Vielfalt des World Wide Web, darunter professionell gemachte Sender mit großer Hörerschaft und kleine Liebhaber- und Nischenradios, bewerten und sammeln sie auf Portalen wie radio.de, oder sie machen ihr eigenes Programm, stellen ihre Musik auf laut.fm zusammen, moderieren und chatten auf 1000MIKES, oder singen sogar selbst auf Mikestar. In den nächsten Jahren werden viele weitere neue Konzepte in diesem Bereich entstehen, und die Chancen stehen gut, daß deutsche Unternehmen ganz vorn dabei sind (allein drei der genannten sind in Hamburg ansässig).

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