03. Februar 10

Radio 3.0: Die BBC im Kontext

Nachdem der Siegeszug des Web 2.0 mit Wikipedia, Facebook & Co. vor nicht mehr wegzuleugnen war, machten sich die selbsternannten und tatsächlichen Experten auf die Suche nach dem nächsten Web-Megatrend. Sie wurden schnell fündig: Web 3.0, das ist das "Semantische Web":

Ziel des Semantischen Webs ist es, die Bedeutung von Informationen für Computer verwertbar zu machen. Die Informationen im Web sollen von Maschinen interpretiert und automatisch maschinell weiterverarbeitet werden können. (Wikipedia

Obwohl das Semantische Web, geadelt durch die wesentliche Mitwirkung von Web-1.0-Übervater Tim Berners-Lee, jetzt schon einige Jahre intensiv diskutiert wird und viele hunderte Millionen Euro an staatlicher Förderung in zweifelhaften Forschungsprojekten wie der europäischen Suchmaschine Quareo versenkt wurden, läßt der entscheidende Durchbruch auf sich warten. Außerhalb der Techniksphäre und des Wissenschaftsbereichs gibt es nur wenig Projekte, die Nutzen und Attraktivität für den Endnutzer vorweisen können.

Auf der Erfolgsseite liefert uns die BBC das vielleicht eindrucksvollste Beispiel. In einem nun schon mehrere Jahre andauernden Mammutprojekt hat die BBC ihre komplette Produktionsinfrastruktur von 10 Fernsehsendern und unzähigen Radiostationen auf das semantische Web ausgerichtet, Prozesse vereinheitlicht und konsequent digitalisiert, Insellösungen für Websites abgelöst, Datenbanken und Content Management Systeme zentralisiert, Informationen und Inhalte standardisiert und vernetzt, mit externen Datenbanken verknüpft, und schließlich systematisch über ihre Website verfügbar gemacht, in menschenlesbarer und in maschinenlesbarer Form.

Warum tut man sich so etwas an? Wer in realen Organisationen in der Größenordnung der BBC gearbeitet hat, ahnt, was für ein logistischer Albtraum sich hinter so einem Projekt verbirgt. Was bringt es?

Technisch gesehen, handelt es sich zunächst einmal um eine oder mehrere zentrale Datenbanken, in der die komplette verfügbare Programminformation - sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft - gespeichert ist. Sie ist dabei in einer sogenannten Ontologie organisiert, also in einem Schema, daß die Verknüpfungen dieser Information beschreibt, den Kontext herstellt: um was für Inhalte handelt es sich, wann und wo werden sie gesendet, wer sind die Mitwirkenden (Moderatoren, Künstler, Produzenten, ...), welchen Genres, Themen, Formaten oder Serien können sie zugeordnet werden, wer hält die Rechte daran, geographische Informationen, und so fort.

BBC-Präsentation zu Hintergründen und Umsetzung

Auf dieser Informationsbasis lassen sich nun unzählige Anwendungen aufsetzen - durch die BBC oder auch durch Dritte, denn die Information wird standardisiert und offen verfügbar gemacht. Als erstes natürlich die großartige Website der BBC und ihrer Sender (stärkste Medien-Site in den UK, 100 Mio. Unique Visitors weltweit). Das komplette Programm mit allen seinen inhaltlichen Verknüpfungen ist einheitlich und nutzerfreundlich online einsehbar, durchsuchbar und abrufbar (im Rahmen der britischen Bestimmungen, das heißt bis zu 7 Tage nach Sendung). Abgesehen von der Attraktivität für den Nutzer ist das Ganze auch kostengünstiger als Betrieb und Wartung der früheren Einzelwebsites.

Es ist aber viel mehr möglich. Die BBC betreibt eine Reihe von themenspezifischen Portalen: Nachrichten, Sport, Musik, Essen, etc. Alle diese Portale können nun direkt mit dem Programm der BBC integriert werden, und zwar in beide Richtungen. Hier ein Beispiel von BBC Science and Nature:

Bbc-sn

Die Verknüpfung wird darüber noch weiter getrieben, nämlich mit externen semantischen Datenquellen, wie etwa dem Wikipedia-Ableger DBpedia oder der Musikdatenbank MusicBrainz, deren komplette Inhalte auf BBC Music syndiziert werden. Dort kann zu jedem Künstler gesehen werden, in welchem Programm und wann er gespielt wurde, und welche Beiträge, zum Beispiel Kritiken, es sonst zu ihm gab. Zur Illustration hier der Link zu Beethoven.

Noch ist das alles im Aufbau begriffen und teilweise experimentell. Eine der erstaunlichsten Anwendungen ist der Verwendung der geographischen Information, etwa beim BBC Newsglobe: Wo treibt sich gerade unser Außenminister herum?

Guido-bbc1
Guido-bbc2
BBC selbst fasst die "Key Benefits" der Umstellung auf semantische Webtechnologie in einer Fallstudie für den W3C wie folgt zusammen:

Usability - Making a site around the things people care and think about.

User Experience - Having meaningful predicates and granular, addressable resources, so that those resources can be visualised in new ways.

User Journeys—Allowing users to make their own journeys across our content.

One page per thing—Making our resources part of the Web and therefore linkable and discoverable.

Our web site is our API—One URI for both machines and web browsers. Our web site can be used by third parties to create new products.

Was können wir davon lernen? Gefühlt liegen wir in Deutschland viele Jahre hinter den Briten, und das lässt sich so schnell nicht aufholen. Ich glaube aber, das zwei Einsichten zentral sind, die den Medienstandort Deutschland deutlich voran bringen würden: Technologie darf nicht als notwendiges Übel gesehen werden, sondern muß als Treiber der Entwicklung begriffen werden. Und: Offenheit ist der Schlüssel zum Erfolg in der vernetzten Welt.

23. September 09

Konferenzradio funktioniert.

Ich gebe zu, ich war anfänglich skeptisch. Konferenzradio? Netter Gedanke, aber braucht man das wirklich? Aber schon bei unserer Live-Übertragung vom Radiocamp in Hamburg wurde der Service gut angenommen.

Der Grund ist ganz einfach: eine Konferenz findet tagsüber unter der Woche statt. Ist man nicht vor Ort, so sitzt man an seinem Arbeitsplatz im Büro. Dort kann man schwerlich die Vorträge per Video verfolgen, weil sonst käme man nicht mehr zum Arbeiten. Aber nebenher hören: das funktioniert.

Diese Woche haben wir zusammen mit den Kollegen von radio.de das Konferenzradio für den Radioday und das Konferenzradio für die Online-Messe dmexco organisiert:

Dmexco-shot

Mit großem Erfolg: ständig waren mehrere 100 Hörer dabei, in der Spitze mehr als 2.000. Die einzelnen Vorträge gibt es live im Archiv zum Nachhören, wie auch meinen Favoriten, den umstrittenen Vortag von Peter Sloterdijk über "Audioanthropologie".

Für das Konferenzradio haben wir ein kleines mobiles Übertragungsstudio zusammengestellt, aus einem Asus-Netbook, einer USB-Soundkarte und einem kleinen Behringer Mischpult (das gerade mal 60 Euro kostet). Hier in der Congress Hall auf der dmexco:

Mobiles-studio320

Mit dieser Konfiguration läßt sich komfortabel arbeiten und eine sehr gute Qualität erreichen. Falls gerade keine Übertragung läuft, spielt das Konferenzradio einen von radio.de zusammengestellten Musikstream.

Wer Interesse hat, ein Konferenzradio einzurichten, melde sich bei uns, wir helfen gerne. Es ist ein wunderbarer Service für die, die diesmal nicht dabei sein konnten.

29. Juni 09

Zaungast der Medienpolitik

Erfurt1 Anfang des Monats war ich auf die Radiofachtagung Radio 2020 der Thüringischen Landesmedienanstalt eingeladen, was mich sehr gefreut hat, einerseits, weil es zeigt, dass 1000MIKES auch schon in der klassischen Radiowelt als relevantes Zukunftskonzept wahrgenommen wird, andererseits, weil ich noch nie in Thüringen war, und gerne die Landeshauptstadt Erfurt mit ihrer großen und sehenswerten mittelalterlichen Altstadt erkunden wollte. 

Das mittelalterliche Stadtbild gibt auch den perfekten Rahmen ab für eine Medienpolitik-Veranstaltung. Wie fast kein anderes Politikfeld bilden die Rundfunkmedien ein von Privilegien, Pfründen, Monopolen und anderen feudalistisch anmutenden Abhängigkeiten durchsetztes, schwer durchschaubares Geflecht. Ironisch gemeint? Keineswegs. Wer versteht wirklich das System der Privilegienvergabe bei den Sendefrequenzen im terrestrischen Rundfunk, die Pfründen der Gremienmitgliedschaften, die Monopole bei der Vertretung der Urheberrechtsinhaber und der Umverteilung ihrer Einkünfte durch die Verwertungsgesellschaften, die territorialen Besonderheiten der jeweiligen Länder bis hin zum anmaßenden Gebaren der Gebühreneintreiber von der GEZ? 

Mehr als 700 Jahre nach dem letzten Erfurter Reichstag versammeln sich im Juni 2009 Radiopolitiker, Radiotheoretiker und Radiomacher zum Dialog "auf Augenhöhe", um über das Radio der Zukunft zu reden. Das Konzept der Tagung stammt von Martin Ritter von der TLM, der wie Stefan Sutor (BLM) und Torsten Giebel von der LM Hamburg-Schleswig Holstein zu den jungen Wilden der Landesmedienanstalten zählt, die mit den krummen Geschäften der alten Garde nichts mehr zu tun haben wollen. Webradios und neue Radioplattformen im Internet will Martin Ritter als "vierte Säule" in das Rundfunksystem neben Öffentlich-rechtlichen, Privaten und der Alibi-Säule der freien Radios und offenen Kanäle einsortieren. Lieber Martin, danke, nein, da passen wir nicht rein! 

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Ausschnitt der großen Runde: von links nach rechts: Prof. "MP3" Brandenburg, Prof. Kleinsteuber, im Hintergrund TLM-Chef Jochen Fasco, dann ich und Matthias Buß von Radio Lotte

Über die Zukunft wurde dann auch nicht gesprochen, statt dessen viel über die gescheiterte Digitalisierung des terrestrischen Rundfunks, bei der Unsummen von öffentlichen Fördergeldern in den Sand gesetzt wurden. Von mindestens 180 Millionen Euro ist die Rede. (Was wir bei 1000MIKES mit dem Geld machen könnten...) Den Mitschnitt der überraschend anspruchsvollen Diskussion gibt's zum Nachhören hier.

Es folgte eine kontroverse Podiumsdiskussion zum Thema Kinderradio, die sich der interessanten Frage angenommen hat: "Wie kommerziell dürfen Kindermedien sein? Wie halten sie es mit Werbung und Sponsoring?" Schwieriges Thema!

Die Tagung wurde abgeschlossen mit einem Empfang, mit Sekt, Musik und Häppchen, auf dem die Gremienvertreter (die sogenannten "gesellschaftlich relevanten Gruppen") Hof hielten, um die Huldigungen der Radiomacher entgegenzunehmen. Persönlich kennengelernt habe ich dabei den Vertreter der katholischen Kirche, dem ich in Gedanken die französische Revolution an den Hals wünschte.

Am Abend hat mich Thomas Kupfer von Radio Corax, dem freien Radio in Halle mit zu einem Besuch beim Erfurter Radio F.R.E.I. genommen. Thomas, vielen Dank nochmals! Hey, hier wird mit wenig Geld und wenig Unterstützung ein tatsächlich gesellschaftlich relevantes Programm gemacht, unter anderem live mit diesem mobilen Übertragungswagen, in dem sich modernste Radiotechnik gut versteckt:

Erfurt2

Der Tag hat mir viel Freude gemacht! Vielen Dank an alle, bis zum nächsten Mal!

03. Februar 09

In aller Kürze: Radiocamp, Adobe Wave, Italien-Launch

Wegen der Vorbereitungsarbeiten für das von uns mitveranstaltete Radiocamp war es in den letzten Wochen etwas ruhiger hier im Blog. Jetzt ist das Radiocamp vorbei, und es gibt alle Neuigkeiten im Schnelldurchlauf!

Radiocamp200

Folge 57 des renommierten "Markos Medienpodcast" bringt ein sehr gutes Gespräch zwischen Marko und mir zu den beiden Themen 1000MIKES und "Ziele des Radiocamps". Das Hauptziel des Radiocamps, nämlich alle Parteien der Radiolandschaft - UKW-Radiomacher, Webradios, Plattformen, Content-Produzenten und Dienstleister - zum offenen Dialog über die Zukunft des Radios zusammenzubringen, haben wir erreicht. Die Veranstaltung ist bei den Teilnehmern sehr gut angekommen: "Radiocamp 2009 - sche wors…" und "Radiocamp09 - ein Juwel in der Barcamp-Landschaft". Mein Fazit: Die Radiobranche ist viel aufgeschlossener und experimentierfreudiger, als sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und es war toll, die Leute alle persönlich kennenzulernen. Ich freue mich schon riesig auf die Videomitschnitte der großartigen Diskussionen vom Radiocamp, und werde sie auf jeden Fall hier im Blog kommentieren.

Joop! Thrill Room

Zu 1000MIKES! Wir sind "Featured Partner" bei der Produkteinführung von Adobe Wave, und stolz, dort als einziger deutscher Partner neben Branchengrößen wie Myspace, Digg und Ustream.tv zu stehen. Adobe aus San José im Silicon Valley ist das Unternehmen hinter Flash und Photoshop und will mit Adobe Wave dem Benachrichtungs-Durcheinander für immer ein Ende setzen. AdobewaveWave sammelt dazu die Benachrichtungen aller angeschlossenen Services, bei denen ich registriert bin: neue Nachricht auf Myspace, Sendung beginnt auf meinem Lieblings-1000MIKES-Kanal, neues Last-Minute-Angebot zu meinem favorisierten Urlaubsziel, und so weiter. Diese Benachrichtungen werden dann live auf dem Desktop eingeblendet, ähnlich wie bei Outlook neu eingegangene E-Mails. Mehr dazu demnächst.
Italy
"Das Web Telefonino sagt Pronto!" haben wir bereits im Januar-Newsletter angekündigt. 1000MIKES gibt es jetzt auf Italienisch, inklusive einer lokalen Einwahlnummer in Mailand. Benvenuto, Italia! Wir freuen uns auf eure Sendungen.

22. November 08

Radiocamp 2009 in Hamburg

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Am 30. Januar 2009 findet in Hamburg das Radiocamp 2009 zum Thema "Radio der Zukunft - Zukunft des Radios" statt. Unter anderem geht es um Formen und Formate, Konzepte und Technologien, Konvergenz, Marketing und Vermarktung, Hörermessung und Reichweiten, GEMA und GVL, und vieles mehr.

Konzipiert ist das Radiocamp nach dem Vorbild der Barcamps. Im Gegensatz zu traditionellen Medienkonferenzen, Tagungen, Kongressen ist das Radiocamp eine offene Veranstaltung: Die Teilnehmer des Radiocamps machen selbst das Programm. Es zählt nur die inhaltliche Relevanz und der offene Dialog, in spannenden Sessions - Referate, Workshops und Podiumsdiskussionen, alles ist erlaubt.

Also, gleich auf die Orga-Website http://radiocamp2009.de gehen, informieren, registrieren, mitdiskutieren.

19. November 08

Erfolgreiches Eventradio: Best of Grönemeyer Live

Groenemeyer

Das Internet ermöglicht ganz neue Formen von Radio. Eine dieser Formen ist Eventradio (ein Spezialfall des nicht-linearen Radios). Die Fan-Community Letzte-Version.de begleitete letztes Wochenende auf 1000MIKES das Release des neuen Best-of-Album "Was muss muss" von Herbert Grönemeyer mit einem interaktiven Radioevent der Spitzenklasse. Die Macher schreiben uns:

Unzählige Übergänge zwischen möglichen Gewinnersongs aus den Abstimmungen wurden probegehört, vorab geschnitten, Testsendungen gemacht, Genehmigungen eingeholt. Schließlich auf Sendung gegangen, und wir wurden nicht enttäuscht. Weit über 1500 Livekommentare auf 1000Mikes, zwölf Seiten Livediskussion im Forum der Letzen-Version binnen 2,5 Stunden Sendung sprechen eine deutliche Sprache: Die Musik von Herbert Grönemeyer bringt Menschen zusammen und berührt sie. Wo hätte dies besser stattfinden können, wenn der Künstler schon nicht real live on Stage ist, als bei einem Radiokonzert, auch wenn es virtuell war?

Wir sagen Danke an 1000Mikes für Euren Einsatz, Danke an alle Zuhörer für Euren Enthusiasmus und danke an die Mitglieder der Letzten-Version - Ihr habt uns getragen. Wenn es Euch gefallen hat, freut Euch auf das nächste Radioevent der Letzten-Version.de!"

Wir sagen gleichfalls Danke für das tolle Event, und freuen uns auf die nächste Show auf Grönemeyer @ LV-Radio!

P.S. Pünktlich zum Event haben wir das lang erwartete Server-Update eingespielt, mit dem jetzt auch Radio mit hoher Audioqualität möglich ist. Dazu mehr demnächst in diesem Blog.

02. November 08

Was ist nicht-lineares Radio?

Ein Buch ist ein lineares Medium: es wird von vorne nach hinten gelesen. Im Normalfall zumindest. Internet ist ein nicht-lineares Medium: jede Seite enthält eine beliebige Anzahl von Links, die man einen nach dem anderen oder gleichzeitig oder auch gar nicht weiterverfolgen kann. Im Fachjargon als Hypertext bezeichnet.

Im Fernsehen und im Radio ist die Linearität noch stärker ausgeprägt. Von null bis 24 Uhr reiht sich Sendung an Sendung; ohne Pause schließen Musik, Moderation und Werbung nahtlos aneinander an.

Shortwaveradio Das war nicht immer so: in den Anfangszeiten des Medium gab es nur ein event-orientiertes Abendprogramm, live eingespielt. So brachte der deutsche Weltrundfunksender am 1. April 1933 ab 19:00 ein Militärkonzert, gefolgt von den 15-minütigen Tagesnachrichten um 20:00, anschließend erzählte Wolfgang von Gronau über seine Weltumrundung mit dem Wasserflugzeug, und bis 21:00 gab es abschließend Studentenlieder. Danach Funkstille.

Das heutige, linear 24-Stunden-Programm ist entstanden durch die begrenzte Verfügbarkeit von Radiofrequenzen. Diese Frequenzen werden durch die Landesmedienanstalten vergeben (und man kann sie auch wieder verlieren, wie es Radio Energy gerade in der Schweiz passiert ist).

Radiowaves Der glückliche Besitzer der knappen Ressource Radiofrequenz nutzt aus ökonomischen Gründen mit seinem Kanal jede freie Sekunde Airtime, wobei die meisten Hörer sich vormittags zuschalten, und abends, bedingt durch die TV-Konkurrenz, die Quoten wieder in die Knie gehen. Das ist die Realität des UKW-Radios heute.

Im Internet dagegen gibt es keine Limitierung der Anzahl Frequenzen. Was bedeutet das? Es gibt keinen ökonomischen Grund mehr, auf Dauersendung zu gehen. Nehmen wir als Beispiel ein Sportradio. Es gibt wenig Anlaß, Montag Nacht ein Sportprogramm zu machen. Während der olympischen Spiele jedoch lassen sich ohne Probleme viele Kanäle parallel mit spannenden Berichten bespielen.

Das bedeutet: durch das Internet wird die lineare Struktur des Radios Stück für Stück verlorengehen, genauso wie die Texte im Internet schon lange nicht mehr linear organisiert sind. Der kontinuierliche Fluß wird aufgelöst in ein variables Hintereinander und Nebeneinander: das Radio im Internet wird nicht-linear.

Unsere Hörgewohnheiten heute sind natürlich noch ganz andere. Wir schalten unseren Stammsender an und lassen uns berieseln, und wenn er uns nervt, suchen wir einen anderen. Aber Gewohnheiten können sich ändern. Das Radio-Konsumverhalten der mit dem Internet aufgewachsene Generation wird sich schnell an nicht-lineare Muster anpassen können.

Fractaltree2f Wie orientiert der Hörer sich in einer Radiowelt, die nicht mehr linear in einer begrenzten Anzahl von Kanälen organisiert ist? Die klassische Programmzeitschrift taugt dazu nicht mehr. Diese Orientierung zu bieten, ist eine große Herausforderung. Ansätze dazu sind hypertext-basierte Programmführer, Verschlagwortung, Nutzerempfehlungen und -bewertungen, Ranglisten, Archive und vieles mehr. Gute Lösungen für die Navigation durch den Programmdschungel werden das entscheidende Kriterium für die Attraktivität des Radios der Zukunft im Internet sein.

Fortsetzung folgt.

09. Oktober 08

Radio 2.0: Music in the Air

Auf der Online-Marketing-Messe OMD in Düsseldorf letzten Monat war die Herausforderung der klassischen Medien durch das Internet eines der Hauptthemen. Dabei durfte das Radio nicht fehlen, und auf einer Podiumsdiskussion mit dem vielversprechenden Titel "New Radio" trafen die verschiedenen Zukunftskonzepte aufeinander.

Die Podiumsdiskussion ist für die Nachwelt leider nur zur Hälfte als Video verfügbar, so daß die pointierte Auseinandersetzung in der zweiten Hälfte um Dudelfunk versus Qualitätsradio versus Radio 2.0 nicht mehr nachträglich genossen werden kann. Trotzdem gibt auch die erste Hälfte schon einen guten Einblick in das Thema.

Auf dem Podium von links nach rechts: Rainer Henze von laut.fm, Christian Richter von radio.de, Ruben Jonas Schnell vom Hamburger Webradio byte.fm, Andreas Sallam von InLiMedia, Moderator und Organisator der New TV & New Radio Area auf der OMD, Doris Grau vom größten deutschen Privatradio Antenne Bayern, Constantin Thyssen von roccatune, ich als Vertreter von 1000MIKES, Sten Foeth von RMS, dem führenden Radio-Vermarkter in Deutschland.

Sehr beindruckend ist der Erfolg von radio.de, über den Christian Richter berichtete. Über 700.000 Besucher pro Monat hat das Portal zu verzeichnen, das Webradiostationen aus der ganzen Welt versammelt. Dabei bestätigt sich das Web-Phänomen des "Long Tail": die Top Ten der Radiokanäle auf radio.de bringen es zusammen gerade mal auf 10% der Hörer - die anderen 90% teilen sich auf die vielen mittleren und kleineren Kanäle auf. Christian projiziert das in die Zukunft: "Es wird eine Explosion der Audioinhalte, der Vielfalt der Audioinhalte... der Gewinner dabei ist der Nutzer". Mehr dazu in dem sehenswerten Videointerview von Markus Willnauer mit Christian Richter. (Große Freude bei uns darüber, daß Christian dabei einen 1000MIKES- Button trägt...) Weitere OMD-Interviews zum Thema: Lutz Kuckuck von der Radiozentrale und Kristian Kropp von BigFM.

Sehr schade ist, daß die Beiträge von Rainer Henze von laut.fm in dem Video nicht mehr erhalten sind. Für mich ist laut.fm - nicht zu verwechselt mit last.fm - eines der charmantesten Konzepte des Radio 2.0. Die Nutzer stellen ihr eigenes Musikradio zusammen - sie laden dazu selber Tracks hoch oder wählen aus den bestehenden. Die GEMA-Gebühren übernimmt laut.fm und finanziert diese über Werbung. Meine Meinung: Ein von Musikliebhabern erstelltes Programm, wie bei laut.fm, oder von Radioprofis wie bei byte.fm, hat einfach Charakter, Stil, Aussage.


Datenbankgenerierte Playlists können dies nicht bieten, egal ob über Analyse von Hörgewohnheiten wie last.fm (mit s!), Analyse der Musikstücke durch Experten (Pandora) oder mathematische Algorithmen (mufin), durch stilistische Einordnung wie bei Moodmixer aus Hamburg oder gar durch den Charterfolg und Zielgruppen-Matching wie bei den meisten Privatradios. Trotz dieser Vorbehalte ist der Erfolg von last.fm (mit s!) bewundernswert, und das Interview mit Gründer Martin Stiksel auf turi.tv sehr aufschlußreich.

Überhaupt tut sich im Bereich Musik und Web derzeit sehr viele. Es gibt vermehrte Anzeichen, daß die Musikindustrie ihre Obstruktionshaltung gegenüber dem Internet aufgibt, auch wenn auf der diesjährigen Popkomm in Berlin die Vertreter des Fortschritts noch einen schweren Stand gegen die Betonköpfe und Lobbyisten haben.

Meilensteine sind die Aufgabe von DRM und die Unterstützung von werbefinanzierten Modellen. Zum Erfolg verdammt ist Myspace Music, wo Nutzer ihre eigenen Playlists auf ihre Profilseiten stellen können. Schon wenige Tage nach dem Start wurden bereits mehr als eine Milliarde Songs gestreamt. Die Musiklabels haben sich gleich 40% der Anteile an Myspace Music gesichert. In Deutschland ist der Service noch nicht verfügbar.

Ebenfalls werbefinanzierte Musik über das Internet will das mit großen Vorschußlorbeeren gestartete schwedische Startup Spotify anbieten. Außerdem ist gerade LP33.tv an den Start gegangen, eine Art Schaufenster für Musiker im Internet.

Zum Abschluß mein persönlicher Favorit: Soundcloud aus Berlin. Alexander Ljung und seine Partner haben sich ein einfaches Problem vorgenommen und absolut überzeugend gelöst: der professionelle Austausch von Musikdateien übers Internet. Darüberhinaus versteht sich Soundcloud als offene Audio-Plattform: "We believe that audio is a key part of the web" - wir unterschreiben das. Am 10. Oktober ist der public launch von Soundcloud. Unbedingt ausprobieren!

Für uns bei 1000MIKES sind die neuen Musikservices eine wunderbare Ergänzung, und wir werden genau schauen, auf welche Art wie wir sie integrieren können.

14. September 08

Mit Werner Hansch beim Blindenfußball

Blindenfussball240 Heute war es endlich soweit: Moderatoren-Urgestein Werner Hansch kommentierte live auf 1000MIKES das Spiel des deutschen Meisters SSG Blista Marburg (gelbe Trikots) gegen ISC Viktoria Dortmund, ausgetragen im sympathischen hessischen Städtchen Marburg, bei Sonnenschein und viel Wind. Der Altmeister kommentierte das intensiv geführte Spiel engagiert und souverän. Den kompletten und außerordentlich hörenswerten Originalton gibt es hier im 1000MIKES-Archiv. Das Fazit von Hansch nach dem Schlußpfiff:

Hansch_2 "Aus, aus aus, das Spiel ist aus! 1:1. Applaus der versammelten Zuschauer für beide Mannschaften und ich schließe mich an, und wir schließen das Schiedsrichtergespann in unseren Applaus ein. Schöner Einsatz, eine großartige Partie, bedenken Sie, daß beide Mannschaften noch in der Vorbereitung auf die nächste Bundesligasaison sind, uns hat die Begegnung hier sehr gefallen. Es war schwierig genug, aber sehr, sehr schön, diese Partie hier zu begleiten. Wir bedanken uns herzlich aus Marburg und geben zurück an die angeschlossenen Funkhäuser! Auf Wiederhören!"

Weitere Infos rund um den Blindenfußball auf Blindenfußball Online.

03. September 08

1000MIKES ist Preisträger "Wege ins Netz 2008"

2. September 2008, 16:10, Peter Hintze, ehemaliger Kohl-Generalsekretär und jetzt Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, auf der Bühne des ZDF bei der IFA in Berlin. Die Bekanntgabe des ersten Preises in der Kategorie Audio/Video: "And the winner is... 1000MIKES!".

Bis zu diesem Moment war die Spannung groß, denn wir waren zwar nominiert, was automatisch einen Platz auf dem Treppchen bedeutet, aber wir wußten nicht, wer der Gewinner wird. Und die Konkurrenz (139 Teilnehmer) war stark.

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Die Audio/Video-Preisträger (4. und 5. von links: Peter und ich)

Warum Wege ins Netz? Dieser Wettbewerb stellt, im Gegensatz zu verschiedenen Startup-Wettbewerben, bei denen tatsächliche oder vermeintliche Geschäftsmodelle prämiert werden, den Menschen und seine Internetnutzung in den Mittelpunkt. Ausgezeichnet wird, wer diesbezüglich Mehrwert schafft, also mehr Menschen das Internet als Medium attraktiv und zugänglich macht. Aus diesem Grund haben wir gerade diesen Wettbewerb ausgewählt, und freuen uns ganz besonders über die Auszeichnung.

Bemerkenswert war auch Peter Hintzes Laudatio:

„1000Mikes macht aus dem Internet und dem Telefon Bürgerfunk für Jedermann. [...] Durch ein breites Angebot, auch an ungewöhnlichen Themen, unterstützt 1000Mikes zudem den demokratischen Meinungsbildungsprozess.“

Das ist ein ganz ungewöhnliches und begrüßenswertes Statement aus der Politik, die sich bisher nicht durch tiefes Verständnis des Mediums Internet und seines Potentials hervorgetan hat, und ein enormer Fortschritt, wenn die Politik tatsächlich künftig User Generated Content als Teil des demokratischen Meinungsbildungsprozess begreift. Applaus!!!